Was sind Leibzuchthäuser?

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Vor kurzem tauchte die Frage auf, was "Leibzuchthäuser" sind, da auf dieser Webseite ein Haus als solches benannt ist (siehe Foto). In diesem Beitrag soll dieses seltsam anmutende alte Wort etwas erläutert werden.
Man muss dazu wissen, dass es früher ja keine "Sozialversicherungen" wie z.B. Altersrenten oder ähnliches gab, und auch keine privaten Altersvorsorgen wie Lebensversicherungen usw.  So waren die bäuerlichen Familienmitglieder darauf angewiesen, all ihren Unterhalt aus dem Hof zu erzielen. 
Es wurde daher auch angestrebt, dass ein Hof in seiner Gesamtheit erhalten blieb, also nicht beim Erbe aufgesplittert wurde. Verteilungstestamente, also wo nach dem Tod des Bauern das Erbe "verteilt" wurde auf die Verwandten, ja sogar auf andere Personen oder Institutionen, waren daher unbekannt. 
Es ging sogar noch weiter: Da alle Erbschaften, auch Hoferbschaften, sich nur an die Blutsverwandten richteten, gab es ein Problem für die Witwen: Als Ehefrauen galten sie nicht als verwandt und wurden beim Erbrecht daher nicht berücksichtigt. D.h., starb also der Ehemann, z.B. ein Bauer, und es waren keine Kinder bzw. Blutsverwandte vorhanden, fiel das Erbe , z.B. der Hof, an den Fiskus. Die Bäuerin ging leer aus! Aus heutiger Sicht natürlich absolut nicht nachvollziehbar.
 
Auch wenn ein Bauer schon zu seinen Lebzeiten seinen Hof auf seinen Sohn übertragen wollte, wäre er als Altbauer mittellos gewesen. 

Es musste also ein (Erb-)Rechtsinstrument geschaffen werden zur sozialen Absicherung der Witwen bzw. der Altbauern: eben die Leibzucht.

Dieses, direkt zwischen Kindertagesstätte (Kita)  und Schule gelegene Haus, ist die alte Küsterei, also das Haus, in dem der Küster wohnte. Es gehörte früher als Leibzuchthaus zu dem Schilling´s Hof. Es ist heute im städtischen Besitz und vermietet.

Mit Leibzucht bezeichnet man ganz allgemein das Altenteil, also praktisch den Teil des Hofes, der den Alten zur Verfügung gestellt wird, um daraus zu leben. Es ist also die Altersversorgung der Altbauern. Leibzucht umfasst dabei mehr als nur die Wohnung bzw. das Haus, in dem die Altbauern nach Übergang des Hofes weiter wohnen können- das oben genannte Leibzuchthaus des  Schilling`schen Hofes ist also das Wohnhaus der Altbauern gewesen. Oft ist mit der Leibzucht auch die Verpflichtung des neuen Eigentümers verbunden, die Wohnung zu unterhalten, also Strom, Wasser, Telefon, Reparaturen  und Heizung zu liefern, wie auch sogar Nahrung, Kleidung und Hausrat. Also umfasst die Leibzucht alle Unterhaltsverpflichtungen durch Leistungen in Geld oder Naturalien.

Entweder bestellte also der Bauer bei der Ehe für den "Leib seiner Frau" gerichtlich ein Nutzungsrecht an seinen Liegenschaften, um ihre soziale Sicherung im etwaigen Witwenstande zu sichern. Oder aber der Umfang der Leibzucht wurde bei der Hofübergabe zwischen Altbauern und Hofnachfolger vertraglich festgelegt.
Leibzucht gibt es übrigens heute auch noch und kann im Grundbuch eingetragen werden.

Etwas ähnliches ist das "Wittum": Hierunter verstand man eine Gabe an die Braut bei der Eheschließung zur Altersabsicherung, insbesondere ein Anteil am Grundbesitz.
Kirchlich wurden die Pfarrgemeinden mit Kirchenland oder Gebäuden ausgestattet, aus deren Ertrag einzelne Posten bezahlt werden konnten (z.B. "Küsterland").

Bericht und Foto: Franz Wegener