8.Juli 1853- Erntekatastrophe in Westönnen

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"Am 8.7. 1853 kommt es zu einem schweren Hagelschlag, mit Hagelkörnern so groß wie Hühnereier, welche die Früchte in Feld und Garten zerschlagen", so heißt es in der Westönner Chronik. Wir, die wir heute bei "Sauern" Lebensmittel aus der ganzen Welt kaufen können, die aufgewachsen sind mit Nahrung im Überfluss oder mit EU-angeordneter Nahrungsvernichtung, können uns diese Katastrophe für unser Dorf wohl kaum vorstellen. Hunger- was ist das?
Zudem war bis ins 19. Jahrhundert nahezu jedes vierte Jahr ein "normales" Hungerjahr gewesen, darunter waren auch große Hungerkatastrophen von 1739/ 41 und 1770/72- für unsere Vorfahren war also jedes Erntejahr mit einer gehörigen Angst verbunden.

Und erst einige Jahre vor dem schweren Hagelschlag, 1845 und 1846, fielen die Ernten in Deutschland durch viel zu feuchtes Wetter so schlecht aus, dass die Preise für Roggen, dem Grundnahrungsmittel der ärmeren Bevölkerungsschichten, gewaltig stiegen. Der hochverschuldete preußische Staat setzte verstärkt auf private Initiative. Die Regierung stellte den Kommunen das Geld für den Ankauf von Roggen durch Darlehn zur Verfügung und regte im Januar 1847 die Bildung von Hilfsvereinen an. Aber dazu später mehr.
Allgemein bekannt aus dieser Zeit ist v.a. die große Hungerkatastrophe in Irland von 1845. Schätzungsweise starben eine Million Männer, Frauen und Kinder an Hunger und Krankheiten. Bis zu 1,5 Millionen Iren verließen das Land und waren Wegbereiter der Auswanderungswelle nach Nordamerika, die noch das ganze restliche Jahrhundert anhalten sollte; bis 1914 hatten 5,5 Millionen Einwohner Irland verlassen.

Wie entsteht nun Hagel? Feuchte, in Bodennähe erwärmte Luftmassen steigen rasch senkrecht nach oben, etwa mit 30 Meter/ Sekunde- also sehr schwüles Wetter. Dabei kühlen sie sich ab. Sobald eine kritische Temperaturgrenze, der "Taupunkt" (etwa 17 Grad)  unterschritten wird, kondensiert ein Teil des in ihnen enthaltenen Wasserdampfes und bildet  Tropfen an sogenannten "Kondensationskernen", das sind z.B. Staubteilchen in der Luft. Die Zahl der eisbildenden Gefrierkerne nimmt  mit weiterer Höhe immer weiter zu. Wenn die Hagelkörner eine bestimmte Größe erreicht haben, fallen sie gegen den Aufwind zur Erde- also etwa mit einer Wucht von 40 Metern / Sekunde. Bei dieser Geschwindigkeit kann man sich vorstellen, was diese Hagelkörner vor 150 Jahren "in Feld und Garten" angerichtet haben.

 

 

 

 

 

 

 

Friedrich Wilhelm Raiffeisen

Erst mit der zunehmenden Industrialisierung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte der Hunger sein Schrecken verloren. Es gab aber noch eine andere wichtige Entwicklung hin zu privater Initiative, denn -wie oben schon gesagt- waren auch damals die Staaten ziemlich pleite und die Sozialversicherungen gab es auch noch nicht. 
Friedrich Wilhelm Raiffeisen wurde 1845 Bürgermeister von Weyerbusch im Westerwald. Die Missernte von 1846 führte im Winter 1846/47 auch dort zu einer Hungersnot. Raiffeisen gründete den "Weyerbuscher Brodverein" und sicherte so die Versorgung der Bevölkerung mit Nahrung. Dies war der Vorläufer der noch heute existierenden "Genossenschaften" und "Spar- und Darlehenskassen", deren Grundgedanken in den weiteren Jahren von Raiffeisen über ganz Deutschland verbreitet wurde.

Am 11. Juni 1889 erfolgte in Westönnen die Gründung einer Molkereigenossenschaft, am 13.Februar 1910 die Gründung der Westönner Spar- und Darlehenskasse und 1924 schließlich die Gründung der Bäuerlichen Bezugs- und Absatzgenossenschaft Westönnen.

Vielleicht kann dieses Datum vor 150 Jahren ein Anlass sein, beim diesjährigen Erntedankfest sich die schweren Zeiten unserer Vorfahren vor Augen zu führen.

Bericht: Franz Wegener