Die letzten Kriegstage
Eine ungewöhnliche Quelle aus Westönnen

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Vor zehn Jahren, 50 Jahre nach dem Ende des Krieges, veröffentlichte der Anzeiger den unten abgedruckten Artikel. Er ist 60 Jahre nach dem Kriege wieder aktuell. Damit er besser zu verstehen ist, sollen ein paar Erklärungen vorausgeschickt werden. Die drei genannten Mädchen waren damals 23, 19 und 18 Jahre alt. Sie hießen Klara, Hilde und Ecken Schulte und wohnten in der Bruchstraße 11. Klara (heute Dunkel) wohnt noch in Westönnen, Hilde (heute Pahler) lebt in den USA und Ecken (heute Lennartz) wohnt in Werl. Heinrich und Änne sind die Eltern der drei. Hannes und Heinrich waren Brüder; sie hießen auch Schulte und wohnten gleich dem Hause gegenüber (heute Nr.8). Etliche Nachbarn suchten wohl Schutz in dem Hause der Mädchen, weil man sich da sicherer fühlte. Es war neu und hatte einen ordentlichen Keller. Wenn da von den Plünderungen gesprochen wird, sollte man wissen, dass auf dem dritten Gleis des Bahnhofs ein Güterzug stand, der mit wichtigen Waren beladen war. In dem Schloss Lohe war Kleidung gelagert und bei Post Müller (heute Bundesstraße 31) gab es Reinigungsmaterial.


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Es Folgt das Gedicht der drei Westönner Mädchen:
"Ostern munkelte man ringsumher:
,Der Tommy' rückt uns immer näher.'
Uns wurde schon ganz wirr im Kopf,
Wir steckten ja mitten drin im Topf.
Wem sank da nicht wie uns der Mut?
Im Geiste sahen wir Westönnen in
Feuer und Glut.
Ostern begann die große Hast
Alles wurde weggeschafft.
Da gab's kein Ostereiersuchen
Wir fingen heftig an zu fluchen.
Ein Teil schlief Dienstags schon im
Keller.
Für Hilde und mich kam das noch
nicht auf den Teller.
Donnerstags morgens in der Früh'
Tante Maria laut schrie:
,Heinrich, Anne, sie kommen, gleich
sind sie da,
hort ihr das Schießen nicht, das ist
schon ganz nah.'
Mit Wagen, Kindern, Onkel Franz und Decken
wollten sie sich in unserm Keller ver-
stecken.
Um 7 Uhr früh war das Mittagessen
fertig,
dat geng man alle so harre wie dertig.
Nachmittags kamen deutsche Pan-
zer nach hier,
Auch wir hatten einige in Quartier.
Am nächsten Morgen waren alle fort,
keinen deutschen Lanzer hatten wir
mehr im Ort.
Und abends war es sehr unrubig ge-
worden,
Durch's Dorf zogen wilde Russen-
horden.
Vor denen waren wir deutlich bange,
saßen doch auch die mit uns In der
Zange.
Tags darauf gab's eine Rennerei,
Das halbe Dorf zog hier vorbei.
Manche mit Koffer, manche mit Wa-
gen,
was gab's denn da so schwer zu tra-
gen?
Wo ging es hin, wenn wir das nur
wüßten...
Da sagt uns einer, daß wir schnell
zum Bahnhof müßten
Die Waggons, sie würden leer ge-
macht.
Da fehlten wir nicht, das wär' ja ge-
lacht!
Es gab ein Hetzen, ein Laufen, ein Ja-
gen,
Hundert wollten auf einmal in einen
Wagen.
Töpfe, Papier, gar Mausefallen,
Leder, Benzin, auch Stoffe in Ballen
Bonbons, dieser seltene Leckerbis-
sen,
Um die haben sich die Gierigen ge-
rissen,
Und Waschpulver, diese raren Pake-
te,
Zogen Menschenmengen heran wie
Magnete.
Die Artillerie konnte man gut hören,
Doch ließ sich beim Schrappen kei-
ner stören.
Vom Bahnhof rannte man nach Loh.
Da gab es Wolle, Mäntel und so.
Über Stiefel, Wäsche, Männersocken
konnten wir innerlich frohlocken.
Hatten wir alles zusammengerafft,
wurden die Pakete nach Hause ge-
schafft.
Dann gab's bei Post-Müller was zu
kriegen.
Es sollten dort viele Aufnehmer lie-
gen.
Besen, Bürsten und so weiter
warf man in Bündeln von der Leiter.
Unser Handwagen war hoch vollge-
packt,
bald wäre er unterwegs geknackt.
Die Artillerie schoß nun wie doll,
Jetzt müssen wir in den Keller, jawohll!
Die Nachbarschaft war da zugegen,
Kaum konnte man sich da unten be-
wegen.
Was sollte das noch alles werden?
Es ist ein doller Kram auf Erden!
Kinder, Männer und die Frau'n
Schliefen im Kartoffelraum.
Die Damen schliefen allemal
Gemütlich auf Schlaraffia.
Engelbert, unser tüchtiger Held
hatte den besten Platz gewälht:
Zwischen Mänteln, Anzügen und sol-
chem Kram
Lag er träumend in der Badewann.
Wenn wir selig schliefen in der Nacht,
Haben uns die Kinder aus der Ruhe
gebracht.
Eins war bange, eins mußte auf's
Töpfchen,
Es war auch zuviel für die kleinen Ge-
schöpfchen.
So kam dann der Sonnabend, der
denkwürdige Tag,
Der brachte uns viel Ungemach.
Auf der Straße war kein Mensch zu
sehn,
doch hin und wieder wagten wir nach
oben zu gehn.
Da hängt die erste weiße Fahne, es
ist soweit,
Ecken, hast du das Bettuch bereit?
Ein Handtuch genügt, meindet der
Papa,
Macht nicht soviel Allotria.
Während wir aufpaßten hinter dem
Haus,
Sorgte Mutter für den Mittags-
schmaus.
Am Nachmittag, oh dieser Schrek-
ken,
Konnten wir die ersten Ami's entdek-
ken.
Am Bahnhofsgebäude schlichen sie
vorbei:
Erst kam einer, dann zwei, dann drei.
Mit Stahlheim und aufgepflanztem
Gewehr
krochen sie an den Häusern her.
Los Hannes, du mußt rüber gehn
Vor deinem Hause Amis stehn.
Hannes schickte Heinrich los,
Bei ihm da war die Angst zu groß.
Den Schlüssel in der rechten Hand,
Die Hände hoch, so geht er dann.
Sich verbeugend tritt er auf sie zu
Und öffnete die Tür im Nu.
,Ist hier Soldat, ist hier Pistoll?
Wir müssen alles haben, woll!'
,Nee, nee, hier nicks', hört man ihn
sagen,
,Wir dieses heute nicks mehr haben.'
Die Schubladen wurden rausgeris-
sen
Und alles durcheinendergeschmis-
sen.
Ah, diese schöne goldene Uhr,
Die suchten wir bei dir ja nur.
Fotoapparate, Ferngläser, Ringe,
Auch Radios waren begehrte Dinge.
Viele mußten ihr Haus verlassen,
Die Leute lagen auf den Gassen.
Man kroch zusammen, das mußte
gehn,
Konnte uns tags drauf schon das
gleiche geschehn.
Erbärmlich war es anzusehn,
Sahen wfr die Panzer im Garten
stehn.
Die ganze Saat war nun dahin,
Doch hatte das Jammern keinen Sinn.
Die Hühner wurden gefüttert mit
Schokolad'
Die waren eben mehr auf Draht.. .!?
Bier und Schnaps wurde von den
Amis gesucht
Und fanden sie nichts, wurde tüchtig
geflucht.
Abends gingen wir wieder in den Kel-
ler hinein,
Doch schliefeb wir diesmal nicht so
ruhig ein.
Die Artillerie schoß hinüber mach
Werl,
Vor unserem Haus patroullierte ein fremder Kerl.
Am nächsten Tag zogen die Amis fort
Und die Russen plünderten in un-
serm Ort.
Schweine und Kühe mußten sterben
Dabei konnte kein Rußki verderben.
Manch einer starb an Herzverfettung,
Für den gab es auch keine Rettung.
Dann kamen neue Amis ins Quartier,
Die blieben lange Wochen hier.
Auch wir mußten für einige Wochen
raus
Aus dem geliebten Vaterhaus.
Einer wohnte hier, der andere da,
Getrennt waren sogar Papa, Mama.
Heut endlich haben wfr wieder Frie-
den.
Wir können ruhig im Bettchen liegen.
Nachts stör'n uns keine Flieger mehr.
Friedlich ist es ringsumher."
 
Friedrich Schleep