Straßen und Wege
im alten Westönnen

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Wer heute durch unser Dorf oder die Felder geht, kann sich kaum vorstellen, wie schlecht die Verbindungen einmal waren. Dabei möchte ich die neuen Wohngebiete völlig ausschließen.
Ich denke zuerst an die Feldwege, die alle nicht befestigt waren. Etliche Wege waren mit Gras bewachsen, und das Gras wurde genutzt. Viele Wege wurden erst im Zuge der Separation (Flurbereinigung) um 1910 angelegt. Die Felder waren lang und schmal. Sie reichten im Westen des Dorfes bis an die Werler Feldflur und im Osten bis an die Felder von Mawicke. Mein Vater zeigte mir öfter die alten Grenzen. Manchmal mussten die Bauern über bestellte Flächen fahren, um an die gewünschten Äcker heranzukommen. Das gab auch leicht Ärger mit den benachbarten Grundbesitzern.
Und im Dorf selber: Anfang der 30er Jahre des letzten Jahrhundert war nicht eine einzige Straße oder ein einziger Platz im Dorfe wirklich in gutem Zustand. Einige Stücke waren mit Schotter oder Asche leicht befestigt. Die Ladestraße der Eisenbahn war gepflastert. Heute ist nur noch ein kleiner Teil von ihr vorhanden. Das größte Stück wurde von der Firma Prinz bebaut.

Die Ladestraße heute, im Hintergrund die Firma Prinz, rechts der Bahnhof

Asphaltiert war lediglich die Bundesstraße 1. Damals war es die Reichsstraße 1, die von Aachen bis Königsberg führte. Die Westönner sprachen aber allgemein von der Chaussee. Diese Straße war aber nicht in der ganzen Breite asphaltiert. Im Süden ging noch ein Streifen für die Schienen der Ruhr - Lippe - Eisenbahn ab. An beiden Straßenseiten standen Apfelbäume (Sternrenetten), und im Süden war dann auch noch der sogenannte Sommerweg. Der Name sagt schon, dass dieser Weg nur leicht mit Schotter befestigt war. Er wurde gerne von Bauern mit ihren Pferdefuhrwerken benutzt.

rechts:
Winter 1954/55,
die Bundesstraße in Richtung Soest


Anfang der 30er Jahre wurde das erste Stück der Breite Straße asphaltiert. Diese Baumaßnahme wurde aufmerksam verfolgt. Die Kinder konnten eine echte Dampfwalze bestaunen. Die Straßendecke reichte dann genau von der Schule bis zu Rombergs (heute Heimanns) Haustür. Das Deelentor, das ja heute noch da ist, wurde nicht mehr erreicht.
Zu der Zeit wohnte die Lehrerin Fräulein Emmy Klemp in dem Rombergschen Hause. Sie war von 1919 bis 1958 an der Westönner Schule tätig. Die Westönner lästerten damals: Man habe die Straße eigens für die Lehrerin ausgebaut. Tatsächlich war sie wohl die einzige Bürgerin, die ihren Arbeitsplatz über Asphalt erreichen konnte.
Etwas später wurde auf dem Hofe Kerkhoff (heute Schulze-Brüning) die Straße asphaltiert, die von der Bundesstraße an der Sauerkrautfabrik vorbeiführte und die einzelnen Hofgebäude miteinander verband. Das wurde die Rennstrecke für alle Jungen, die ein Fahrrad besaßen oder sich eines leihen konnten. Da die Straße asphaltiert war und obendrein ein starkes Gefälle hatte, war das Spiel nicht gerade ungefährlich. Der Verwalter, Herr Schauer, konnte zwar gewaltig schimpfen, aber geholfen hat das nicht, zumal man an zwei Seiten um das Bauernhaus herumfahren konnte, und es auch noch zwei Ausfahrten zur Kirchstraße gab.

 
Blick auf den Hof Kerkhoff                                       Blick zur Bundesstraße
Es muss dann wohl im Jahre 1938 gewesen sein, als ein wirklich bedeutender Straßenbau durchgeführt wurde. Die Breite Straße wurde von "Nacken Ecke" bis zum Mühlenbach ausgebaut. Das Ende dieser Straße verläuft heute etwas anders, weil man viel später (nach dem Kriege) die verwinkelte Straße bei Luigs Mühle durch eine Umgehungsstraße begradigte. Jedenfalls wurde die Straße tief ausgeschachtet und mit einer ordentlichen Packlage versehen. Teilweise bestand diese Packlage noch aus Bruchsteinen, die einzeln
hochkant in der Straße verbaut wurden. Eine solide Asphaltdecke folgte dann. Sie hat lange gehalten. Man war in Westönnen erstaunt, dass ausgerechnet diese Straße in der Qualität ausgebaut wurde. Aufklärung brachte ein Straßenschild, das an der Bunderstrasse aufgestellt wurde. Es sollte den Verkehr über Welver zur Autobahn nach Rhynern leiten.
Durch den Ausbruch des Krieges kam der Straßenbau völlig zum Erliegen. Nach den alten Plänen war die Autobahn 44 südlich von Westönnen nicht vorgesehen. Von Rhynern aus war eine Verbindung nach Kassel geplant. Erste Brückenbauwerke für diese Straße waren schon errichtet. Ein Bauwerk steht noch heute mitten in Welver.
Friedrich Schleep