Machtübernahme
durch die NSDAP
auch in Westönnen

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Als mir das Bild in die Hände fiel, war ich zuerst einmal erstaunt. Die Kinder des damaligen Kindergartens sind mit Hakenkreuzfähnchen ausgerüstet und warten offensichtlich auf einen Aufmarsch. Immerhin wurde der Kindergarten auch zu NS – Zeiten von Ordensschwestern geleitet.
Auch sie konnten sich der Zeit nicht ganz entziehen; man hätte den Hort schließen können. Es gab NS – Kindergärten.

Dieses Bild ist 1942 entstanden, als der Nachtjäger Leutnant Heinz Strüning, der seit 1939 in Westönnen wohnte, mit dem Ritterkreuz ausgezeichnet worden war.
Er ruht auf dem Westönner Friedhof. Am Heiligen Abend 1944 wurde er selber von einem englischen Nachtjäger abgeschossen. Damals war er Hauptmann und Träger des Ritterkreuzes mit Eichenlaub.
Und wie habe ich die Zeit der Machtübernahme erlebt?
Als ich 1932 zur Schule kam, gab es noch die Weimarer Republik. Vor der Schule standen zwei Flaggenmasten. Einer war für die Farben der Republik (schwarz – rot – gold) bestimmt; der zweite trug die preußischen Farben schwarz und weiß. Heinrich Deimel war der Hauptlehrer. Da er kein Parteigenosse war, musste er 1933 gehen und wurde von Heinrich Westhues abgelöst.
Man kann sich heute nicht mehr vorstellen, mit welcher Schnelligkeit alle wichtigen Posten im Reiche mit Parteigenossen besetzt wurden.
Hitler war am 30.01.1933 Reichskanzler geworden. Am 23.03.1933 erhielt er durch das Ermächtigungsgesetz, gegen das nur die SPD opponiert hatte, die Möglichkeit ohne das Parlament zu regieren. Und das tat er.
Auch die Flaggen wurden getauscht: Schwarz – weiß – rot und die neue Hakenkreuzfahne lösten die Farben der Weimarer Republik ab. Die Flaggen wurden zu besonderen Anlässen gehisst. Die Schüler sangen das Deutschlandlied und „Die Fahne hoch“ von Horst Wessel. Später kam noch das Lied der Hitlerjugend hinzu: „Vorwärts, vorwärts schmettern die hellen Fanfaren, vorwärts, vorwärts Jugend kennt keine Gefahren, ist das Ziel auch noch so hoch, Jugend zwingt es doch!“
Natürlich wurde auch für die Organisationen der NSDAP geworben, oder es wurde zum Teil massiver Druck ausgeübt. Wer in der Hitlerjugend war, brauchte am Samstag nicht in die Schule. Diese Regelung galt bis 1936. Druck wurde auch vom Hauptlehrer Westhues ausgeübt. Er wollte gerne einen dritten Flaggenmast aufstellen lassen, der die Fahne der HJ trug (rot – weiß –rot mit einem Hakenkreuz in der Mitte). Nur die Schulen, aus denen ein bestimmter Prozentsatz der Kinder in der Hitlerjugend organisiert war, durften diese Flagge hissen. Das dauerte alles nicht sehr lange; bald gab es nur noch die Hakenkreuzfahne vor der Schule.
Viele junge Leute, die nicht in die SA eintreten wollten, traten dem „Stahlhelm“ bei. Das war immerhin eine deutsch – national eingestellte Organisation.
Sie war schon 1918 als Bund der Frontsoldaten gegründet worden. Man trug die graue Uniform der Soldaten. Ab 1924 konnte auch Mitglied werden, wer nicht Soldat gewesen war. Man ging noch weiter und gründete den Jungstahlhelm für Jungen und den Luisenbund für die Mädchen. Zeitweise wurde der Jungstahlhelm von dem Lehrer Karl Hering betreut und die Mädchen von einer Frau Droste, deren Mann in Westönnen Bahnhofsvorsteher war. Der Luisenbund hatte seinen Namen von der preußischen Königin Luise (1776 -1810), die sich in dem Krieg gegen Napoleon einen Namen gemacht hatte.
Mein älterer Bruder, der vor dem Abitur stand, durfte dem Stahlhelm beitreten. Ich war kurze Zeit Mitglied im Jungstahlhelm (ohne Uniform). Besonders erinnere ich mich an einen schönen Marsch nach Gerlingen, wo wir im Gerlinger Grund spielen durften (Eierlaufen, Sackhüpfen, usw).
Es dauerte aber nicht lange, dann wurde der Stahlhelm in die SA überführt.
Der Jungstahlhelm hatte auf dem Sportplatz anzutreten. Alle Jungen, die zehn Jahre alt waren, wurden in die HJ aufgenommen. Ich war aber erst acht Jahre alt, und ich war traurig, dass ich nicht mehr dazugehörte.
Erinnerungen am Rande: Eine Postkarte mit einer Hakenkreuzfahne und dem Horst Wessel Lied wurde als etwas Besonderes herumgereicht.
Ein Junge hatte einen kleinen Gummiball mit einem Hakenkreuz auf jeder Seite. Als wir in der Pause damit spielten, ließ sich eine Lehrerin den Ball zeigen und gab ihn mit der Bemerkung „Kitsch“ zurück.
Es kam bald schlimmer: Bei einem Aufmarsch im Dorf sprang ein SA – Mann aus der Marschkolonne und schlug einer alten Frau in das Gesicht. Sie stand am Straßenrand und wusste nicht einmal, dass die Flaggen, die natürlich mitgeführt wurden, mit erhobenem Arm zu grüßen waren.
In Westönnen wohnten keine Juden; also gab es auch keine Ausschreitungen gegen sie.
Als ich einmal mit meinem Vater in Werl war, kam uns eine braune Marschkolonne entgegen, die das Lied schmetterte:
„Wenn´s Judenblut vom Messer spritzt, dann geht´s noch mal so gut“.
Erschrocken ergriff der Vater meine Hand, und wir erreichten auf Nebenwegen den Werler Bahnhof.
Gesprochen wurde über die Begebenheit kein Wort.
Man lernte früh, sich seine eigenen Gedanken zu machen.

Friedrich Schleep