Zur Geschichte eines Wegkreuzes
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Kreuze am Wege haben meistens ihre eigene Geschichte. Sie selber können nichts erzählen. Ihre Besitzer wissen manchmal nicht mehr, wann und warum sie errichtet wurden. So bleiben diese Geschichten oft im Dunkeln.

Zu meiner Kindheit gehörte das Kreuz der Familie Senger. Der Hof Senger liegt an der Oststraße, aber das Kreuz stand im Garten an der heutigen Straße Auf'm Hackenfeld 12 an dem Beginn der Konrad -Adenauer - Straße. Es muss zu Beginn der 20er Jahre errichtet worden sein.

Das alte Kreuz: Im Sommer 1954
und im Winter 1956/57

Es war immer liebevoll gepflegt und von der Weißdornhecke eingefasst, die heute noch da wächst. Die Weißdornhecke war zu einem Bogen über dem Kreuz geformt, und ein kleines Kreuz, das aus der Hecke geschnitten war, bildete den Abschluss. Besonders geschmückt wurde das Kreuz am Tage Christi Himmelfahrt, weil dann die gelobte Brandprozession diesen Weg nahm.

Als Bruno Mrozinski und seine Frau Josefa, geb. Senger, das Grundstück, auf dem das Kreuz stand, bebauen wollten, fragte mich Bruno, ob ich etwas über die Geschichte des Kreuzes wisse. Ich musste damals verneinen. Erst seit kurzer Zeit weiß ich mehr über das Kreuz.

Es wurde von Heinrich Senger, der 1865 geboren wurde, aufgestellt. Er wohnte an der Oststraße 24. Der Garten des Hofes reichte bis zur heutigen Straße Auf'm Hackenfeld, an der ein Tor den Weg zur Straße freigab. Er hatte bei der Reichsbahn in Soest gearbeitet und erlitt da einen bösen Arbeitsunfall. Eine Weiche, die gestellt wurde, klemmte einen seiner Füße ein. Er konnte einem Zug, der sich näherte, nicht ausweichen und warf sich zur Seite. Er verlor einen Unterschenkel, konnte aber sein Leben retten. Das wusste ich immer, aber nicht, dass er aus Dankbarkeit für die Rettung aus Todesangst das Kreuz errichtet hatte. Er lebte dann noch bis 1939.

Ich hätte die Geschichte wissen sollen, da Herr Senger unser Nachbar war und für mich so etwas wie ein "Ersatzgroßvater". Ich selber hatte keine Großeltern; sie starben sehr früh. Herr Senger hatte als Rentner viel Zeit und hütete oft die beiden Kühe seines Sohnes Josef. Dann kam er zwangsläufig an unserem Hause vorbei, weil die Familie Senger die Gräben bis an die Mawicker Feldflur gepachtet hatte. Dann durfte ich ihm öfter Gesellschaft leisten. Manchmal hatte er auch etwas für mich in seiner Tasche, und wenn es nur ein Pfirsich war. Wir hatten keine.
Am meisten hat er mich in Erstaunen versetzt, als er mich einmal in der Osterzeit aus dem Hause rief und mir mitteilte, der Osterhase sei da gewesen, ich solle nur suchen. Ich fand im Blumenbeet ein dickes Gänseei. So etwas hatte ich noch nie gesehen. Nun gehörte es mir.

Das Kreuz hat seinen Tod überdauert und könnte noch an seinem Platze stehen, wenn es nicht 1995 blindem Vandalismus zum Opfer gefallen wäre.

 

 

 

Rechts und unten :
Das neue Kreuz im Winter 2001/2002

Heinz Senger, der 1932 geboren wurde und in der Oststraße 24 wohnt, hat das Andenken
an seinen Großvater erneuert. Er ließ im Jahre 1996 ein neues Kreuz aufstellen.
Es steht aber jetzt im Hofraum weit weg von der Oststraße. Man kann es von der Straße aus gut sehen. Vielleicht ist es dort besser vor Vandalismus geschützt
.
Friedrich Schleep